Kardinal verlieh Preis der "Pfarrer Röper-Stiftung"

Langzeitarbeitslose nicht aus dem Blick verlieren

Vorabend zum „Tag der Arbeit“ stand unter dem Motto „Lange arbeitslos“

Mainz. Der Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, hat dazu aufgerufen, trotz des Wohlstands in Deutschland Langzeitarbeitslose nicht aus dem Blick zu verlieren. „Bei allem Fortschritt beim Abbau der Arbeitslosigkeit dürfen wir das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit nicht übersehen“, sagte Lehmann in einem Gottesdienst am Donnerstagabend, 30. April, im Mainzer Dom.

Der Gottesdienst war Auftakt zum traditionellen Empfang am Vorabend des 1. Mai - „Tag der Arbeit" - , der in diesem Jahr unter der Überschrift „Lange arbeitslos. Abgemeldet! Abgeschrieben?" stand.

Der Kardinal bezeichnete Vollbeschäftigung als „eine Illusion": „Es wird immer Menschen geben, die aufgrund von Krankheit oder fehlender Qualifikation keine gute Beschäftigung finden", sagte er. Besonders Christen müssten immer wieder neu schauen, „wie Menschen unter die Räder gekommen sind". „Wir sollten in jedem Menschen die gute Absicht Gottes sehen: Wenn dieser Hilfe braucht, dann sind wir gerufen", sagte Lehmann.

Konzelebranten des Gottesdienstes waren Domdekan Prälat Heinz Heckwolf, der Präses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Mainz, Dr. Friedrich Franz Röper, Kolping-Ehrenpräses Harald Christian Röper und KAB-Bezirkspräses Dekan Dieter Bockholt. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst von Domorganist Daniel Beckmann an der Domorgel und durch den Cäcilia-Chor Bingen-Büdesheim unter der Leitung von Franz Stuber. Veranstalter des Abends waren das Referat Berufs- und Arbeitswelt im Bistum Mainz, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und das Kolpingwerk.

Vortrag von Dr. Regina Görner

Beim anschließenden Empfang im Mainzer Haus am Dom sprach sich Dr. Regina Görner, stellvertretende Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA), dafür aus, „die vorhandenen Probleme der Langzeitarbeitslosen zu beseitigen bzw. auszugleichen, damit sie im Wettbewerb mit anderen Beschäftigten nicht benachteiligt oder bevorzugt sind". „Ich will also keine Nischen, sondern Chancengleichheit im Wettbewerb um eine möglichst normale Beschäftigung", sagte sie. In der modernen Arbeitswelt brauchen Langzeitarbeitslose allerdings einen besonderen Schutz. „Viele von ihnen werden vermutlich für längere Zeit, möglicherweise dauerhaft nicht in der Lage sein, ihre Interessen im Betrieb eigenständig zu vertreten. Sie brauchen deshalb Unterstützung in ihrem Einsatzbetrieb", sagte Görner.

Diese Aufgabe sollte von einer unabhängigen Institution wahrgenommen werden, die Görner als „virtuelle Werkstatt" bezeichnete. Diese „virtuelle Werkstatt" sollte die „Schlüsselfunktion zwischen Bundesagentur und Einsatzbetrieb übernehmen". „,Virtuell‘ nenne ich diese Werkstatt, weil sie keine Arbeitsräume für die zu Betreuenden vorhält, sondern ihnen eine Dienstleistung anbietet, die ihnen ermöglichen soll, in einem normalen Unternehmen tätig werden zu können." Träger der „virtuellen Werkstätten" sollten Träger der Wohlfahrtspflege mit entsprechend erfahrenem Personal sein. „Für die Langzeitarbeitslosen könnte in solch einer ,virtuellen Werkstatt‘ nicht nur die Aussicht auf Reintegration in den ersten Arbeitsmarkt - und damit in ein Stück normaler Lebenssituation - bestehen, sondern auch die Perspektive auf ein allmähliches Hineinwachsen in eine bessere materielle Versorgung und einen möglichen Ausstieg aus der Fördersituation", sagte Görner.

Dem Vortrag schloss sich ein Podiumsgespräch an. An dem Gespräch nahmen neben Regina Görner Heike Strack, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Mainz, Dr. Stefan Hoehl, Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, Frankfurt, Domkapitular Prälat Hans-Jürgen Eberhardt, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Caritasverbände Rheinland-Pfalz und Diözesancaritasdirektor, Mainz, und Ingrid Reidt von der Katholischen Betriebsseelsorge Rüsselsheim teil. Das Gespräch wurde von Klaus Pradella vom Hessischen Rundfunk moderiert.

Zu Beginn hatte Hans-Georg Orthlauf-Blooß, Betriebsseelsorger im Bistum Mainz, die Gäste begrüßt. Er wies unter anderem darauf hin, dass auf dem Gebiet des Bistums Mainz rund 85.000 Menschen arbeitslos gemeldet seien. „Wir Betriebsseelsorger bekommen mit, wie schnell man aus einer gesicherten Stellung in die Arbeitslosigkeit und schließlich Hartz IV und Langzeitarbeitslosigkeit rutschen kann", sagte er. Orthlauf-Blooß betonte, dass es im Gebiet des Bistums Mainz rund 6.500 Menschen gibt, „die so viele Beschäftigungs- oder Vermittlungshemmnisse haben, dass sie auf dem regulären Arbeitsmarkt keine wirkliche Chance haben. „Sie sind ausgeschlossen, überflüssig, an den Rand der Gesellschaft geschoben, werden von der Wirtschaft nicht mehr gebraucht. Ich glaube, das sind die Menschen, von denen Papst Franziskus in Evangelii gaudium in drastischen Worten spricht: ,Die Ausgeschlossenen sind nicht Ausgebeutete, sondern Müll, Abfall‘", sagte er.

Kardinal verlieh Preis der „Pfarrer Röper-Stiftung"

Für besonderes Engagement im Bereich der Ausbildung verlieh Kardinal Lehmann am Ende des Abends den Preis der „Pfarrer Röper-Stiftung". Ausgezeichnet wurde das Stift St. Martin, ein Seniorenzentrum in Bingen. In seiner Laudatio würdigte Lehmann den Einsatz des Stifts für die berufliche Bildung. „Hier bekommen oftmals insbesondere auch ,benachteiligte‘ Jugendliche eine Chance, vorberufliche Erfahrungen zu gewinnen", sagte der Kardinal. Lehmann hob auch das „überdurchschnittliche Engagement" des Stiftes im Bereich der beruflichen Ausbildung hervor, das nicht nur auf die Deckung des eigenen Personalbedarfs ausgerichtet sei.

Stellvertretend für den Träger, die Leitung und die Mitarbeitenden nahm Peter Krafft den Preis entgegen. Krafft vertrat das Kuratorium der Carl Puricelli'schen Stiftung „Sophienhaus" Bingen, die Träger des Seniorenzentrums ist. Die Preise der „Pfarrer Röper-Stiftung" werden seit 2003 bei der Begegnung zum „Tag der Arbeit" verliehen. Die Preisträger, die sich besonders für die Ausbildung von benachteiligten Jugendlichen einsetzen, werden mit einer vom Mainzer Bildhauer Karlheinz Oswald gestalteten kleinen „Caritas"-Bronzefigur geehrt.

(pressestellebistum-mainz.de/30.04.2015)