Pfingstimpuls

Liebe Kolpingsschwestern, liebe Kolpingsbrüder, liebe Präsides,
zum diesjährigen Pfingstfest Grüße ich Euch alle herzlich und wünsche Euch die Freude und den Frieden, die nur der Heilige Geist schenken kann. Ganz bewusst habe ich zum Fest ein Bild ausgewählt, das zwar den Heiligen Geist, nicht aber das Pfingstfest im Blick hat, dass wir aus der Apostelgeschichte kennen. Hier sehen wir aus einer anderen Perspektive auf den Heiligen Geist: es ist die Taube, nicht die Feuerzunge, und das Bild ist eine alte Darstellung des Dreifaltigen Gottes, ein so genannter Gnadenstuhl, der sich im Hochaltar der St. Bonifatiuskirche in Gießen befindet. Man muss schon unmittelbar vor dem Hochaltar stehen, um den Heiligen Geist überhaupt zu sehen. Man muss den Blickwinkel, die Perspektive ändern, um das Ganze neu zu entdecken. All das ist in diesen Tagen der Corona-Krise auch von der Kirche gefordert. „Weiter so!“ ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Bei einem Gottesdienst, der unter strengen Hygieneregeln gefeiert wird, bei dem die Zahl der Teilnehmenden eingeschränkt und der Gemeindegesang bis auf kurze Zurufe untersagt ist, bei dem die Gläubigen auf Abstand platziert werden müssen, damit sich niemand ansteckt, ist es schwierig, Begeisterung aufkommen zu lassen, ganz zu schweigen davon, dass diese Begeisterung weder in Worten noch in Liedern oder Gesten irgendwie laut oder geteilt werden darf. Wir müssen neue Formen suchen. Die alten, vertrauten und gewohnten Muster funktionieren nicht mehr so einfach wie früher. Mit den neuen Regeln werden wir eine Weile leben müssen. Das trifft auch die Kolpingsfamilien und den Diözesanverband – nicht erst seit Beginn des Pastoralen Wegs. Langsam und zögerlich fangen wir an, erste Schritte zu setzen, neue Perspektiven und Wege zu entdecken und zu erproben. Da richtet sich mein Blick auf den Pfingstbericht der Apostelgeschichte: es ist bezeichnend, dass sich das Pfingstwunder neben dem Brausen und den Feuerzungen, die vom Himmel herkommen, nicht deswegen ereignet, weil die Apostel etwas Besonderes tun oder gar in fremden Sprachen reden würden – die Apostelgeschichte beschreibt es deutlich: es sind Galiläer, die da reden, aber jeder die Leute sagen: „Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören …“ und es folgt die Aufzählung der verschiedenen Nationen und Sprachgruppen, die in Jerusalem anwesend sind. Es ist also kein Sprachwunder, sondern ein HÖRwunder. Bei den Zeuginnen und Zeugen, den Zuhörern und Zuschauern ereignet sich das Wunder von Pfingsten. Die Apostel selbst stehen ganz am Anfang und erzählen von dem, was sie gesehen, gehört und erlebt haben. Vielleicht lässt sich von diesem Gedanken her eine Spur legen, die wir für die Zukunft erforschen können: wir sind da, Christen und Kolpinger, die wir sind, wir gehören zu dieser Welt und zu den Menschen dieser Welt. Wir teilen die Erfahrungen, die alle machen, und wir unterwerfen uns den Regeln, denen sich alle unterwerfen müssen, damit die Katastrophe erst gar nicht eintrifft. Aber wir tragen besondere Erfahrungen in uns und mit uns, die uns motivieren, die Hände nicht in den Schoß zu legen oder zu sagen: „Da kann man nichts machen!“ Wir fangen wieder zaghaft an und vertrauen darauf, dass die, die uns sehen und hören, Feuer fangen, nachdenklich werden, die Perspektive wechseln, näher herantreten und Neues entdecken: wie damals in Jerusalem, als die Leute sagten: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“ Wir lassen einander nicht alleine. Wir schauen uns um, fragen, wie es den anderen geht, und was sie tun, um die Krise zu gestalten und neue Wege zu finden. Nur so können wir voneinander lernen und miteinander weitergehen. Wenn ich auf das diesjährige Pfingstfest schaue, kommt mir ein Text des evangelischen Theologen Wilhelm Stählin in den Sinn, den ich seit Jahren mit mir trage: „Wer an den Heiligen Geist als die schöpferische Aktivität Gottes glaubt und in diesem Glauben um das Kommen dieses Geistes bittet, der muss wissen, dass er damit die göttliche Störung herbeiruft und sich dafür offenhält, dass Gott ihn stört in seinem „Besitz“, in seinen Gewohnheiten, auch seinen Denkgewohnheiten, wenn sie nicht mehr dafür taugen, ein Gefäß der heilsamen Unruhe und der aufregenden Wahrheit zu sein. Wer also bittet „Komm, Heiliger Geist“, muss auch bereit sein zu bitten: „Komm und störe mich, wo ich gestört werden muss.“ (Wilhelm Stählin 1883-1975) Genau das erleben wir jetzt: dass Gott uns stört und uns in eine „heilsame Unruhe“ versetzt – hoffentlich! Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Pfingstfest!

Euer Hans-Joachim Wahl Hans-Joachim Wahl, Diözesanpräses


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Bild: Martin Manigatterer auf Pfarrbriefservice.de